Nah dran an den Menschen: Valentin Klueß ist seit Anfang 2026 in der ambulanten Wohnungslosenhilfe der Caritas in Lahnstein tätig. Er berät und begleitet wohnungslose und von Wohnungslosigkeit betroffene Menschen und unterstützt sie ganz konkret bei den Herausforderungen des Alltags. Ermöglicht wird die neu geschaffene Stelle durch die Apollonia-von-Ehr-Stiftung.Holger Pöritzsch
Ein Antrag, der nicht verstanden wird. Eine fehlende Krankenversicherung. Kein Geld für Lebensmittel. Keine Adresse, unter der Post ankommen kann. Und manchmal schlicht der Wunsch nach einem Kaffee, einem warmen Ort und einem Menschen, der zuhört. Der Tag der wohnungslosen Menschen am 11. September macht auf die Lebenssituation von Menschen aufmerksam, die ohne eigene Wohnung leben oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Für den Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn ist diese Unterstützung keine Aufgabe für einen einzelnen Aktionstag: Im Rhein-Lahn-Kreis - und im speziellen in Lahnstein - hält die Caritas ein breites Hilfsangebot vor. Ein wichtiger Baustein ist seit Anfang 2026 die neu geschaffene Stelle in der ambulanten Wohnungslosenhilfe. Hier begleitet Valentin Klueß Menschen, die häufig nicht nur ihre Wohnung, sondern auch Halt und Perspektive verloren haben.
Der 30-Jährige studiert Soziale Arbeit und ist seit dem 1. Januar 2026 für die ambulante Wohnungslosenhilfe im Caritas-Zentrum in Lahnstein tätig. Sein Arbeitsplatz liegt unmittelbar neben dem Tagesaufenthalt "Treff" in der Gutenbergstraße. Die Wege zu den Menschen sind damit kurz - und genau das ist entscheidend. Denn viele Betroffene haben schlechte Erfahrungen gemacht, kämpfen mit bürokratischen Hürden oder wissen schlicht nicht, an wen sie sich mit ihren Problemen wenden können.
Hilfe beginnt mit Zuhören
"Mein Anspruch ist, dass die Hilfe für jeden gilt, der Unterstützung möchte", sagt Klueß. Dabei gibt er nicht vor, wohin der Weg führen muss: "Die Ziele legen die Menschen selbst fest. Ich versuche, die Hilfe anzubieten, die gerade gebraucht wird." Und die kann ganz unterschiedlich aussehen. Klueß begleitet Menschen zu Behörden, unterstützt bei Anträgen und im Kontakt mit dem Jobcenter, hilft bei Fragen zur Krankenversicherung oder dabei, eine postalische Meldeadresse einzurichten. Manchmal werden Lebensmittelgutscheine, Kleidung oder Hygieneartikel benötigt. Manchmal ist der erste Schritt aber viel kleiner. "Viele Menschen fühlen sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ernst genommen", berichtet Klueß. "Oft hilft es schon, wenn man ihnen einfach normal begegnet und zuhört."
Genau diese Niedrigschwelligkeit ist ein wichtiger Teil der Wohnungslosenhilfe. Der Tagesaufenthalt "Treff" bietet wohnungslosen Menschen einen geschützten Ort mit Küche, Dusche, Waschmaschine und Aufenthaltsmöglichkeiten. Vor allem aber schafft er Kontakt. Aus einem Kaffee und einem ersten Gespräch kann Beratung entstehen - und aus Beratung im besten Fall eine neue Perspektive.
Ein Baustein in einem breiten Hilfenetz
Denn Wohnungslosenhilfe bedeutet bei der Caritas weit mehr als die Unterstützung von Menschen, die bereits auf der Straße leben. Ziel ist es ebenso, Wohnungslosigkeit möglichst zu verhindern und Betroffene auf unterschiedlichen Wegen zu begleiten.
Das aktuelle Angebot des Caritasverbandes reicht von der Fachberatungsstelle für Menschen ohne Wohnung und der Wohnraumsicherung Rhein-Lahn über den Tagesaufenthalt "Treff" und die Notschlafstelle Lahnstein bis zum Haus St. Christophorus als stationäre Wohneinrichtung. Hinzu kommen das Dezentrale Stationäre Wohnen für junge Männer unter 27 Jahren sowie im Westerwald Housing First und die Wohnraumsicherung Unterer Westerwald.
Die neu geschaffene ambulante Stelle ergänzt dieses Hilfenetz an einer entscheidenden Stelle. "Der Treff war immer da, aber die intensive Begleitung der Menschen konnte bislang nur nebenbei erfolgen", erklärt Joachim Grämer, Leiter des Fachbereichs Existenzsicherung beim Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn. "Jetzt gibt es jemanden, der direkt vor Ort ansprechbar ist und Zeit für die Menschen hat. Das ist ein echtes fehlendes Puzzlestück in unserer Wohnungslosenhilfe."
Stiftung ermöglicht intensive Begleitung
Unterstützung, die konkrete Hilfe möglich macht: Imke und Stephan Schauhoff (3. und 2. von rechts) von der Apollonia-von-Ehr-Stiftung informierten sich vor Ort über die Arbeit von Valentin Klueß (2. von links) in der ambulanten Wohnungslosenhilfe. Begrüßt wurden sie von Joachim Grämer (links), Leiter des Fachbereichs Existenzsicherung, sowie Carolin Peters (rechts), Abteilungsleiterin Kinder- und Jugendhilfe & Soziale Dienste. Die Stiftung finanziert die neu geschaffene Stelle zunächst für drei Jahre.Holger Pöritzsch
Dass Valentin Klueß diese Aufgabe übernehmen kann, ist der Apollonia-von-Ehr-Stiftung zu verdanken. Sie finanziert die Stelle zunächst für drei Jahre und ermöglicht damit ein Angebot, für das im regulären Finanzierungssystem bislang die notwendigen Mittel fehlen.
Imke und Stephan Schauhoff von der Stiftung machten sich bei einem Besuch im Caritas-Zentrum selbst ein Bild von der Arbeit. "Uns war bewusst, dass die Wohnungslosenhilfe in Rheinland-Pfalz nur knapp finanziert wird und hier Förderbedarf besteht", erklärt Stephan Schauhoff. Ausschlaggebend seien die transparente Darstellung der Situation und das Vertrauen in die Arbeit von Joachim Grämer und seinem Team gewesen.
Das Engagement geht für ihn über die Finanzierung einer einzelnen Stelle hinaus. "Stiftungen und Spenden können neue präventive Möglichkeiten eröffnen, die der Sozialstaat allein oft nicht leisten kann", betont Schauhoff. Gesellschaftliches Engagement werde künftig immer wichtiger.
Manchmal ist ein kleiner Schritt ein großer Erfolg
Wie notwendig diese Unterstützung ist, erlebt Valentin Klueß in seiner täglichen Arbeit. Fehlender bezahlbarer Wohnraum, psychische oder Suchterkrankungen und bürokratische Hürden können sich gegenseitig verstärken. Einen schnellen Weg zurück in ein stabiles Leben gibt es deshalb häufig nicht.
Umso wichtiger sind die vermeintlich kleinen Erfolge: Wenn Leistungen wieder bewilligt werden. Wenn der Krankenversicherungsschutz geklärt ist. Wenn ein Mensch wieder erreichbar ist und wichtige Post erhält. Oder wenn nach langer Zeit überhaupt wieder Vertrauen entsteht.
"Manchmal geht es gar nicht darum, sofort alle Probleme zu lösen", sagt Klueß. "Sondern erstmal darum, dass jemand da ist, der unterstützt und die Menschen mit Würde behandelt."
Der Tag der wohnungslosen Menschen lenkt für einen Tag besondere Aufmerksamkeit auf diese Menschen. Für Valentin Klueß und seine Kolleginnen und Kollegen bleibt die Aufgabe an den anderen 364 Tagen dieselbe: hinschauen, zuhören und gemeinsam Wege aus der Wohnungslosigkeit finden.